Raus ins Leben

Ich hatte weder geplant, mir einen weiteren Hund anzuschaffen, noch wollte ich wieder so einen Kandidaten, der an der Leine pöbelt und sich benimmt wie Casanova auf großer Tour. Das hatte ich gerade hinter mir. Mein erster eigener Hund hatte mich soweit gebracht, dass ich am liebsten gar nicht mehr vor die Tür treten wollte. Randalierte durchs Dorf und ich an der Leine hinten dran. Nun, das passte zu diesem Zeitpunkt ganz gut zu dem Rest meines Lebens. Über die Jahre hatte ich mich immer weiter in mich selbst zurückgezogen. Am Ende verlor ich alles, was ich mir aufgebaut hatte. Ich hatte nichts mehr zu geben. Mein Mann ging und den Hund nahm er mit.

Nun also wieder so ein Raudi. Ich saß im Trainer-Seminar und der Hund ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Mein Leben war zu diesem Zeitpunkt noch längst nicht neu sortiert. Ich hielt mich aufrecht – irgendwie. Aber das war auch schon alles.

Was es heißt, sich wieder gerade zu machen, das sollte ich am nächsten Tag erfahren. Meinen “Raudi” hatte ich mir für die erste Praxiseinheit selbst ausgesucht. Tierheimhunde fühlen und führen – so ungefähr war die Aufgabe. Führen? – Wenn man sich selbst gerade eben so im Griff hat – keine leichte Sache. “Raudi” sprang dann auch prompt wie ein Flummi an mir auf und ab. Ich fühlte mich hilflos, aber gleichzeitig war mein Ehrgeiz geweckt. So etwas macht man nicht mit mir! Ich kann das besser!

Es kostete mich dann noch ein paar Begegnungen mit diesem Hund und ich hatte wieder einen Plan. Geradeaus gucken. Im Kleinen hieß das, “Raudi” und ich kommen zivilisiert an jedem Hund vorbei.  Im Großen bedeutete es noch mehr. Es war der Beginn eines neuen Lebens.

Aus “Raudi” wurde Jabulani – afrikanisch für der Glückliche. Mit Sack und Pack zog er 8 Wochen später in mein kleines Nest. Und wir machten uns auf den Weg.  Denn er hatte ein Problem. Er meinte es wirklich ernst. Andere Hunde stellten eine ganz reale Gefahr dar. Er wollte sie mehrheitlich nicht auf seinem Planeten. Hatte ich bisher gedacht, Randalieren an der Leine könnte ein Problem sein, wurde ich nun eines Besseren belehrt. Das Führen durch Kontrolle hatte ich längst im Griff. Schwierig wurde es erst dann, wenn ich die Kontrolle abgeben wollte. Ohne Leine hatte ich keinen Zugang mehr.

Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt wie ein Schwamm. Ich sog alles auf, was sich mir bot. Gleichzeitig hatte ich damit auch keine Grenze. Es gab keinen Kern, keinen Plan und keine Richtung. Ich war noch nicht bei mir selbst angekommen. In dieser tiefen Krise schenkte mir der Glückliche Kraft. Er liebte mich einfach so.

Und er ließ mich jeden Tag spüren, dass da was auf uns wartet. Das wir weiterkommen müssen. Mir fehlte nur die Kraft. Ich war so erschöpft, dass mir erneut alles wegbrach.

Ohne Job und Halt zog ich mit meinen beiden Hunden in eine neue Heimat. Einsamkeit, aus dem Haus gehen und nichts als Wald, Feld und Wasser. Das war mein neues zu Hause. Auch wenn ich vorher hier nie gelebt hatte, es war Ankommen. In kleinen Schritten ging es vorwärts. Der Glückliche schloss erste Hundefreundschaften. Neue Menschen traten in mein Leben.

Ich spürte, dass ich meine Berufung längst gefunden hatte – ich konnte mit Menschen und Hunden arbeiten. Ich musste nur zu Kräften kommen. Zwei Monate später sollte es dann soweit sein. Ich begleitete Freunde beim Training und lernte eine Frau kennen, deren Hund völlig aus der Balance geraten war. Sie wurde mein erster Fall, der Beginn meines eigenen beruflichen Weges und meine Freundin für jede Lebenslage. Der Glückliche verliebte sich unsterblich in ihre Hündin. Und machte einen ersten entscheidenden Schritt. Er lernte, zu warnen, bevor ein Konflikt eskalierte. Das erste Mal Zähne fletschen trieb mir die Tränen in die Augen. Wir waren auf dem richtigen Weg.

Links und rechts der Strecke sollten uns über die Jahre noch einige Stolpersteine begegnen. Doch die Richtung stimmte.

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Heute sind wir angekommen. Mitten im Leben. Der Glückliche ist ein Frauenschwarm. Wir haben beide viele wertvolle Freundschaften und die große Liebe gefunden. Das Leben hält uns. Und fordert uns jeden Tag aufs Neue. Mittlerweile suchen wir beide immer wieder die Herausforderung. Da geht doch noch was. Und so ist es dann auch. Jeden Tag kommt etwas Neues hinzu. Eine neue Erfahrung, ein neuer Hundefreund für den Glücklichen, ein neuer Impuls auf unserem Weg.

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